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Wie Rechtsanwält:innen Ihre Mandanten aus der (Über-)Emotionalität zurück in die Klarheit führen können

Autorenbild: Sandra Retzer
Sandra Retzer
vor 4 Tagen
6 Min. Lesezeit

Ein Mini-Handbuch für Anwältinnen und Anwälte im Umgang mit emotional belasteten Mandanten



Rechtsstreitigkeiten sind selten nur eine Frage von Paragraphen, Fristen und Beweisen. Für Mandanten geht es häufig um sehr viel mehr: um Verlust, Kränkung, Angst, Existenzsicherheit, Anerkennung, Gerechtigkeit, Scham oder das Gefühl, endlich gehört zu werden.

Und genau deshalb erleben Anwältinnen und Anwälte ihre Mandanten manchmal in einem Zustand, in dem eine sachliche Kommunikation kaum noch möglich scheint.

Der Mandant erzählt immer wieder dieselbe Geschichte. Er springt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Er ist wütend auf die Gegenseite. Er möchte, dass der Anwalt endlich „etwas tut“. Er bringt immer neue Informationen. Oder reagiert auf eine juristische Einschätzung mit großer Enttäuschung.


Die Versuchung ist groß, die Emotion möglichst schnell aus dem Gespräch herauszubekommen.

Doch genau das ist meistens nicht der richtige Weg.


Emotionen müssen nicht verschwinden. Sie müssen zunächst verstanden und reguliert werden, damit wieder Klarheit entstehen kann.


Das ist ein entscheidender Unterschied.


1. Warum Mandanten im Rechtsstreit emotional werden

Ein Rechtsstreit betrifft selten nur die Sache, die juristisch verhandelt wird.

Hinter einem Streit um Geld kann beispielsweise die Angst vor finanzieller Unsicherheit stehen.

Hinter einem Sorgerechtskonflikt kann die Angst stehen, eine Beziehung zum eigenen Kind zu verlieren.

Hinter einem Arbeitsrechtsstreit kann die Kränkung stehen, nicht mehr wertgeschätzt oder unfair behandelt worden zu sein.


Das bedeutet:

Das juristische Ziel und das emotionale Ziel eines Mandanten sind nicht immer dasselbe.


Das juristische Ziel könnte lauten:

„Ich möchte, dass die Forderung abgewiesen wird.“

Das emotionale Ziel könnte dagegen lauten:

„Ich möchte mich endlich wieder respektiert fühlen.“

Beides darf existieren.

Aber beides ist nicht mit denselben Mitteln erreichbar.

Genau hier beginnt eine wichtige Aufgabe der anwaltlichen Kommunikation.


2. Die wichtigste Unterscheidung: Sachliches Ziel und emotionales Ziel

Eine der hilfreichsten Fragen im Mandantengespräch lautet:

„Was soll am Ende dieses Verfahrens konkret erreicht sein?“

Und danach:

„Und was müsste darüber hinaus passieren, damit Sie innerlich mit dieser Situation Frieden schließen können?“


Diese beiden Fragen können völlig unterschiedliche Antworten hervorbringen.

Das ist kein Umweg.


Im Gegenteil:


Die Trennung dieser beiden Ziele schafft Klarheit.


Denn ein Mandant kann jahrelang versuchen, über das Gerichtsverfahren etwas zu bekommen, was ein Gericht gar nicht geben kann:

  • Anerkennung

  • Reue

  • eine ehrliche Entschuldigung

  • Genugtuung

  • Wiedergutmachung

  • das Gefühl, dass die andere Person endlich versteht, was sie angerichtet hat.

Das juristische Verfahren kann bestimmte Ansprüche klären.

Es kann aber nicht garantieren, dass die Gegenseite das emotionale Bedürfnis des Mandanten erfüllt.

Das zu erkennen kann für Mandanten enorm entlastend sein.


3. Was tun, wenn die Emotion gerade überhandnimmt?

Wenn ein Mandant stark emotionalisiert ist, hilft es häufig nicht, sofort mit Argumenten dagegenzuhalten.

„Sie müssen das jetzt sachlich sehen.“

„Das bringt uns juristisch nicht weiter.“

„Beruhigen Sie sich erst einmal.“

Solche Sätze können zwar gut gemeint sein, führen aber nicht automatisch zu mehr Klarheit.

Besser ist ein kurzer Klarheitsprozess.


Schritt 1: Emotion erkennen

Zunächst geht es darum, überhaupt wahrzunehmen, was gerade passiert.

Fragen Sie beispielsweise:

„Was ist gerade das stärkste Gefühl?“

Ist es:

  • Wut?

  • Angst?

  • Hilflosigkeit?

  • Kränkung?

  • Trauer?

  • Scham?

  • Frustration?

  • Enttäuschung?

Allein das Benennen kann bereits Abstand schaffen.


Schritt 2: Die Emotion nicht bekämpfen

Der Mandant muss nicht davon überzeugt werden, dass seine Emotion „unangemessen“ ist.

Ein besserer Satz wäre:

„Ich merke, dass Sie das gerade sehr aufwühlt. Lassen Sie uns kurz herausfinden, was genau dahintersteckt.“

Damit wird die Emotion nicht zum Gegner.

Sie wird zur Information.

Das entspricht auch dem Grundgedanken des ClarityBooks: Eine starke Emotion darf zunächst wahrgenommen und untersucht werden, bevor daraus eine Handlung entsteht.


Schritt 3: Was steckt unter der Emotion?

Jetzt wird es interessant.

Fragen Sie:

„Was genau hat Sie daran so getroffen?“

Oder:

„Was hätten Sie sich an dieser Stelle eigentlich gewünscht?“

Hinter Wut kann beispielsweise stehen:

„Ich möchte respektiert werden.“

Hinter Angst:

„Ich brauche Sicherheit.“

Hinter Hilflosigkeit:

„Ich möchte wieder das Gefühl haben, etwas tun zu können.“

Hinter Kränkung:

„Ich möchte, dass anerkannt wird, was passiert ist.“

Die Emotion wird dadurch nicht weggeredet.

Sie wird verständlicher.


4. Die entscheidende Frage: Was davon ist für das Verfahren relevant?

Jetzt kommt der Schritt, der für Anwältinnen und Anwälte besonders wertvoll ist.

„Welche Information ist für Ihr Verfahren / für Ihr SACHLICHES ZIEL tatsächlich relevant?“

Das ist etwas anderes als:

„Was davon ist emotional wichtig?“

Beides kann wichtig sein – aber auf unterschiedliche Weise.

Ein Mandant kann beispielsweise zehn Minuten darüber sprechen, wie respektlos die Gegenseite sich verhalten habe.

Die anwaltlich relevante Information könnte am Ende aber ein einziger Satz sein:

„Am 14. März wurde diese Vereinbarung trotz vorheriger Zusage nicht eingehalten.“

Die Emotion war nicht nutzlos.

Sie hat geholfen, zu verstehen, warum diese Information für den Mandanten so bedeutsam ist.

Aber nun kann sie von der Information getrennt werden.

Genau hier entsteht Handlungsfähigkeit.


5. Grübeln vom Handeln trennen

Ein weiteres häufiges Problem in langen Rechtsstreitigkeiten ist das Grübeln.

Mandanten denken immer wieder:

„Warum hat er das gemacht?“

„Was wäre gewesen, wenn ich damals anders reagiert hätte?“

„Was wird passieren, wenn das Gericht anders entscheidet?“

„Was denkt die andere Seite über mich?“

Solche Gedanken lassen sich nicht einfach abschalten.

Aber man kann sie sortieren.

Eine hilfreiche Frage lautet:

„Gibt es für diesen Gedanken gerade einen konkreten Handlungsschritt?“

Wenn ja:

→ notieren.

Wenn nein:

→ parken.


Das ClarityBook bietet Ihren Mandanten dafür den „Grübel-Parkplatz“: Gedanken werden nicht verdrängt, sondern für einen späteren Zeitpunkt geordnet, wenn eine Bearbeitung sinnvoll möglich ist.

Für Anwältinnen und Anwälte lässt sich daraus eine einfache Intervention machen:

„Ist das gerade ein Problem, das wir bearbeiten können – oder ein Gedanke, den wir im Moment nur immer wieder durchspielen?“

Diese Unterscheidung kann erstaunlich viel verändern.


6. Helfen Sie Ihrem Mandanten, zwischen Reaktion und Handlung zu unterscheiden

Starke Emotionen erzeugen häufig einen Impuls.

Wut erzeugt beispielsweise den Impuls, sofort zu antworten.

Angst erzeugt den Impuls, möglichst schnell Sicherheit zu bekommen.

Kränkung erzeugt den Impuls, sich zu verteidigen.

Hilflosigkeit erzeugt den Impuls, möglichst viel Kontrolle zurückzugewinnen.

Der Impuls ist real.

Aber er muss nicht automatisch zur Handlung werden.

Deshalb kann eine einfache Frage helfen:

„Was möchten Sie gerade tun - und was wäre davon tatsächlich hilfreich für Ihr Verfahren?“

Das ist keine Entwertung der Emotion.

Es ist Emotionsregulation.


7. Die 5 Fragen für schwierige Mandantengespräche

Wenn Sie merken, dass ein Gespräch emotional eskaliert oder sich im Kreis dreht, können diese fünf Fragen helfen:

1. Was ist gerade passiert?

Nur die beobachtbaren Fakten.

2. Was löst das in Ihnen aus?

Emotion benennen.

3. Was brauchen Sie eigentlich?

Bedürfnis bzw. emotionales Ziel erkennen.

4. Was davon ist für das Verfahren relevant?

Emotionale Bedeutung und juristische Relevanz unterscheiden.

5. Was ist der nächste konkrete Schritt?

Vom Erleben zurück ins Handeln.

Das Ziel ist nicht, den Mandanten „ruhigzustellen“.

Das Ziel ist:

aus emotionaler Überflutung wieder Handlungsfähigkeit zu machen.


8. Was Anwälte dabei nicht leisten müssen

Eine wichtige Grenze darf dabei nicht verloren gehen.

Anwältinnen und Anwälte sind keine Psychotherapeuten.

Sie müssen die emotionale Geschichte eines Mandanten nicht vollständig bearbeiten. Sie müssen auch nicht jede Emotion auffangen.

Ihre Aufgabe ist eine andere:


Sie können einen Rahmen schaffen, in dem der Mandant wieder klarer zwischen Emotion, Bedeutung, juristischer Information und Handlung unterscheiden kann.


Das kann bereits enorm viel bewirken.

Und manchmal bedeutet professionelle Begleitung auch, zu erkennen:

„Das ist gerade keine juristische Frage mehr. Hier braucht es zusätzliche Unterstützung.“

9. Der vielleicht wichtigste Perspektivwechsel

Ein emotionaler Mandant ist nicht automatisch ein schwieriger Mandant.

Und ein sachlicher Mandant ist nicht automatisch ein klarer Mandant.

Auch ein scheinbar ruhiger Mensch kann innerlich völlig überfordert sein.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

„Wie bekomme ich meinen Mandanten dazu, sachlicher zu werden?“

Sondern:


„Wie unterstütze ich meinen Mandanten dabei, seine Emotionen wahrzunehmen, ohne von ihnen gesteuert zu werden?“


Denn genau darin liegt der Weg von der Emotion zur Klarheit.

Nicht:

Emotion → Unterdrückung → Rationalität

sondern:


Emotion → Wahrnehmung → Verständnis → Klarheit → Handlung


Das ist auch der Kern des Klarheitsprozesses der Clarity-Box.

Und vielleicht ist das eine der wichtigsten Kompetenzen, die wir Menschen in belastenden Rechtsverfahren vermitteln können:


Nicht weniger zu fühlen. Sondern klar entscheiden zu können, obwohl man viel fühlt.


Für die Praxis: Der 3-Minuten-Klarheitscheck

Wenn ein Mandant gerade sehr aufgewühlt ist, können Sie ihn - je nach Situation - durch diese kurzen Fragen führen:

1. Emotion „Was fühlen Sie gerade am stärksten?“

2. Bedeutung „Was ist daran für Sie persönlich so wichtig?“

3. Sachziel „Was möchten wir juristisch konkret erreichen?“

4. Relevanz „Welche Information davon ist für dieses Ziel wichtig?“

5. Handlung „Was ist jetzt der nächste sinnvolle Schritt?“


Mehr braucht es manchmal gar nicht.

Klarheit entsteht nicht dadurch, dass Emotionen verschwinden.


Klarheit entsteht, wenn wir wieder unterscheiden können.


Sie möchten mehr über die Clarity-Box und die Einsatzmöglichkeiten erfahren? Mehr Informationen für Anwälte und Anwältinnen finden Sie unter www.lawofemotions.de

Oder schreiben Sie mir eine E-Mail an sandra@nordstern-bildung.de, falls Sie ein kostenloses Ansichtsexemplar für Ihre Kanzlei bestellen möchten.

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