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Wenn Emotionen Zeit kosten: Was emotional belastete Mandate Kanzleien abverlangen

Autorenbild: Sandra Retzer
Sandra Retzer
vor 16 Stunden
7 Min. Lesezeit

Lange E-Mails, wiederkehrende Gespräche und Konflikte mit dem eigenen Mandanten: Wenn Emotionen die Zusammenarbeit bestimmen, kostet das Kanzleien Zeit, Energie und manchmal auch Vertrauen.


Für Eilige: Das Wichtigste in Kürze

  • Emotional belastete Mandanten können deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen, als für die juristische Bearbeitung eines Mandats vorgesehen ist.

  • Lange E-Mails, wiederkehrende Gespräche und Missverständnisse binden Arbeitszeit, ohne dass sich die Vergütung automatisch erhöht.

  • Starke Emotionen können die Zusammenarbeit erschweren und die Konzentration auf das rechtlich Wesentliche beeinträchtigen.

  • Emotionale Kompetenz hilft, Gespräche zu strukturieren, Grenzen zu setzen und Mandanten wieder in die Handlungsfähigkeit zu begleiten.


Zeit ist Geld. Und Zeit ist Lebenszeit. Beides ist in einer Kanzlei eine begrenzte Ressource.

„Wenn du in den Krieg ziehst, mach deinen Gegner wütend. Je mehr er fühlt, umso weniger kann er denken.“

Diesen Satz habe ich kürzlich in einem Western gehört. Der Satz ist zugespitzt, bestätigt aber, was Lazarus (1991) mit seiner Emotionsforschung bestätigte: Wer emotional stark aufgewühlt ist, kann Schwierigkeiten haben, Abstand zu gewinnen, Informationen sachlich einzuordnen und überlegt zu handeln.


Das gilt nicht nur für den Gegner. Es kann auch den eigenen Mandanten treffen.

Denn ein Rechtsstreit ist für viele Menschen nicht einfach eine juristische Angelegenheit. Es geht um Geld, Existenz, Familie, Anerkennung, Gerechtigkeit oder das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein. Die emotionale Belastung kann entsprechend hoch sein.


Anwältinnen und Anwälte müssen deshalb nicht nur Sachverhalte prüfen, Fristen einhalten und rechtliche Strategien entwickeln. Sie haben es mit Menschen zu tun, deren emotionale Situation die Zusammenarbeit erheblich beeinflussen kann.


Und das hat eine wirtschaftliche Seite.


1. Lange E-Mails: Wenn aus einer Nachricht ein Arbeitsauftrag wird

Ein Mandant schreibt eine lange E-Mail. Darin stehen der aktuelle Sachverhalt, frühere Ereignisse, Vermutungen über die Gegenseite, persönliche Verletzungen und vielleicht noch einmal die gesamte Vorgeschichte.

Die Kanzlei muss diese Nachricht lesen, Informationen sortieren, rechtlich Relevantes von weniger Relevantem unterscheiden und entscheiden, worauf sie antworten muss.

Das ist Teil anwaltlicher Arbeit. Doch wenn dieselben Themen in immer neuen E-Mails wiederkehren, wächst der Aufwand.

Häufig geht es dabei nicht allein um Informationsvermittlung. Der Mandant möchte vielleicht verstanden werden, seine Sicht bestätigt wissen oder die emotionale Anspannung durch erneutes Erzählen reduzieren.

Die Kanzlei steht dann vor einer doppelten Aufgabe: Sie muss das rechtlich Wesentliche herausarbeiten und zugleich mit der emotionalen Dynamik umgehen.

Jede einzelne Nachricht mag nachvollziehbar sein. In der Summe kann daraus ein erheblicher zusätzlicher Zeitaufwand entstehen.


2. Wiederkehrende Gespräche: Wenn sich alles im Kreis dreht

Auch Gespräche können sich wiederholen, ohne dass die juristische Arbeit entsprechend vorankommt.

Der Mandant schildert denselben Konflikt erneut, stellt bereits beantwortete Fragen oder kehrt immer wieder zu einer Kränkung zurück. Die Anwältin erklärt die rechtliche Lage ein weiteres Mal. Für einen Moment scheint Klarheit entstanden zu sein - bis das Gespräch wieder an derselben Stelle beginnt.

Das bedeutet nicht, dass der Mandant absichtlich Zeit verschwendet. Starke emotionale Belastung kann dazu führen, dass Informationen zwar gehört, aber noch nicht innerlich verarbeitet wurden. Ein Mensch kann eine rechtliche Erklärung verstanden haben und trotzdem emotional nicht bereit sein, die Konsequenzen anzunehmen.

Dann reicht es möglicherweise nicht, die Rechtslage noch einmal zu erklären. Es braucht zunächst eine Struktur, die dem Mandanten hilft, seine Gedanken zu ordnen und zwischen dem emotional Belastenden und dem nächsten notwendigen Schritt zu unterscheiden.

Anwältinnen und Anwälte müssen dafür keine Therapie anbieten. Aber sie können Gespräche klar führen, Themen priorisieren und vereinbaren, welche Fragen jetzt beantwortet werden müssen – und welche zunächst zurückgestellt werden.


3. Wenn die Wut auf die Gegenseite beim eigenen Anwalt landet

In einem Konflikt richtet sich die Wut eines Mandanten zunächst häufig gegen die Gegenseite. Doch die Gegenseite ist nicht immer erreichbar, reagiert nicht wie gewünscht oder bleibt aus Sicht des Mandanten der Auslöser des Problems.

Die eigene Anwältin oder der eigene Anwalt ist dagegen erreichbar. Deshalb kann sich der Frust in der Zusammenarbeit entladen: über vermeintlich zu späte Antworten, eine als zu zurückhaltend empfundene Strategie oder eine rechtliche Einschätzung, die nicht den eigenen Erwartungen entspricht.


Plötzlich muss die Kanzlei nicht nur den eigentlichen Rechtsstreit bearbeiten, sondern auch das Verhältnis zum eigenen Mandanten wieder stabilisieren.

Das kann Zeit kosten und Vertrauen belasten. Im ungünstigen Fall zieht sich der Mandant innerlich aus der Zusammenarbeit zurück, stellt Entscheidungen infrage oder arbeitet nicht mehr konstruktiv mit. Die gemeinsame Arbeit verliert an Schwung.

Für die Kanzlei entsteht damit ein zusätzliches Risiko: Die fachliche Leistung wird möglicherweise nicht mehr danach beurteilt, was rechtlich sinnvoll ist, sondern danach, ob sie den emotionalen Erwartungen des Mandanten entspricht.

Emotionale Kompetenz bedeutet hier nicht, jede Reaktion aufzufangen oder es allen recht zu machen. Sie bedeutet, die emotionale Dynamik wahrzunehmen, ohne sich von ihr steuern zu lassen.


Was kostet das die Kanzlei?

Bei vielen Mandaten richtet sich die Vergütung nach gesetzlichen Gebühren und dem Gegenstandswert oder nach einer vereinbarten Pauschale. Zusätzlicher Zeitaufwand führt dann nicht automatisch zu zusätzlichem Honorar.

Wenn ein Mandat mehr Zeit bindet als ursprünglich vorgesehen, fehlt diese Zeit an anderer Stelle: für andere Mandate, die sorgfältige Vorbereitung, notwendige Rücksprachen oder Aufgaben, die ebenfalls erledigt werden müssen.

Dazu kommt die persönliche Belastung. Wiederkehrende Konfliktgespräche und emotional aufgeladene Kommunikation können anstrengend sein. Zeit, die dauerhaft über die geplante Arbeit hinausgeht, ist nicht nur ein wirtschaftlicher Faktor, sondern auch eine Frage der Lebensqualität.


Ein einfaches Rechenbeispiel

Nehmen wir eine Kanzlei, in der ein emotional besonders belastendes Mandat regelmäßig zusätzliche Zeit bindet:

Zusätzlicher Aufwand

Zeit

E-Mails sichten und sortieren: 15 Minuten pro Arbeitstag

75 Minuten pro Woche

Wiederkehrende Gespräche und zusätzliche Abstimmung

45 Minuten pro Woche

Gesamter zusätzlicher Aufwand

120 Minuten pro Woche

Das sind 2 zusätzliche Stunden pro Woche.

Bei 46 Arbeitswochen im Jahr ergibt das:

2 Stunden × 46 Wochen = 92 Stunden pro Jahr.

92 Stunden entsprechen mehr als elf Arbeitstagen à acht Stunden.


Diese Beispielrechnung ist keine Statistik über durchschnittliche Mandate. Sie veranschaulicht, wie sich schon ein überschaubarer zusätzlicher Zeitaufwand über ein Jahr summieren kann. Die tatsächliche Zeit hängt vom Mandat und der Kanzlei ab.


Und die entscheidende Frage lautet nicht nur: Wie viele Stunden sind das?

Sondern auch: Was könnte die Kanzlei in diesen Stunden sonst erledigen? Und wie viel persönliche Energie bleibt übrig, wenn die Arbeit immer wieder von denselben emotionalen Schleifen unterbrochen wird?


Kann starke Emotionalität auch den Gerichtstermin beeinträchtigen?

Ein Gerichtstermin ist eine Situation, in der es besonders darauf ankommt, Informationen verständlich darzustellen, auf Fragen einzugehen und den Blick auf die entscheidenden Punkte zu richten.

Starke Anspannung kann es einem Menschen erschweren, sich zu konzentrieren, den roten Faden zu halten oder auf unerwartete Fragen ruhig zu reagieren. Auch die Vorbereitung kann schwieriger werden, wenn Gespräche immer wieder von denselben emotionalen Themen bestimmt werden.


Das bedeutet nicht, dass emotional aufgewühlte Menschen automatisch schlechtere Prozessergebnisse erzielen. Ein solches Pauschalurteil wäre nicht gerechtfertigt. Der Ausgang eines Verfahrens hängt von vielen Faktoren ab, insbesondere von Sachverhalt, Beweislage und Rechtslage.


Doch wenn emotionale Eskalation die Vorbereitung, die Kommunikation oder die sachliche Darstellung beeinträchtigt, kann sie die anwaltliche Arbeit erschweren.

Das Ziel ist deshalb nicht, Emotionen zu unterdrücken. Es geht darum, trotz dieser Emotionen möglichst klar, stabil und handlungsfähig zu bleiben.


Was Kanzleien konkret tun können

Emotionale Kompetenz muss nicht bedeuten, dass Anwältinnen und Anwälte immer mehr emotionale Arbeit übernehmen. Im Gegenteil: Sie kann helfen, die Zusammenarbeit klarer zu strukturieren und unnötige Schleifen zu reduzieren.

  • Kommunikationspraxis vereinbaren.  Welche Anliegen gehören in eine E-Mail? Wann ist ein Telefonat sinnvoll? Wie werden dringende Fragen kenntlich gemacht? Klare Vereinbarungen schaffen Orientierung und Klarheit.

  • Gespräche strukturieren.  Einfache Fragen an den Mandanten, die er vor den Terminen für sich selbst klären muss: Was ist passiert? Was ist rechtlich relevant? Welche Frage müssen wir heute klären? Was ist der nächste konkrete Schritt? Eine klare Gesprächsführung hilft, vom wiederholten Erzählen zur Bearbeitung zu kommen.

  • Emotionen wahrnehmen, ohne sich hineinziehen zu lassen.  Die Belastung des Mandanten ernst zu nehmen bedeutet nicht, jede Vorhaltung persönlich zu nehmen oder jede emotionale Schleife mitzugehen. Professionelle Nähe braucht auch professionelle Grenzen.

  • Zwischen emotionalem Bedürfnis und juristischem Auftrag unterscheiden.  Manchmal braucht ein Mandant eine rechtliche Einschätzung. Manchmal sucht er vor allem Sicherheit, Anerkennung oder Entlastung. Die Kanzlei kann verständnisvoll reagieren und zugleich deutlich machen, was sie im Rahmen ihres Auftrags leisten kann - und was nicht.

  • Selbstständige Orientierung unterstützen.  Je besser Mandanten ihre Gedanken sortieren, ihre Anliegen priorisieren und den nächsten Schritt erkennen können, desto eher kann die gemeinsame Arbeit wieder in einen konstruktiven Rhythmus kommen.


Die Clarity-Box: Klarheit zwischen Gefühl und Handlung gewinnen

Für Menschen, die sich in einem Rechtsstreit emotional stark belastet fühlen, kann es hilfreich sein, die eigenen Gedanken und Gefühle zunächst außerhalb des anwaltlichen Gesprächs zu sortieren.

Die Clarity-Box von Nordstern Bildung unterstützt Mandanten dabei, Emotionen wahrzunehmen, Gedanken zu ordnen, Klarheit zu gewinnen und einen konkreten nächsten Handlungsschritt zu entwickeln.

Es geht nicht darum, Gefühle wegzudrücken oder die rechtliche Situation allein lösen zu müssen.


Es geht darum, die eigene innere Situation besser zu verstehen, immer wieder das sachliche und das emotionale Ziel des Verfahrens zu trennen und so wieder handlungsfähiger zu werden.


Das kann eine sinnvolle Ergänzung sein, wenn ein Mensch merkt, dass ihn der Konflikt gedanklich immer wieder in dieselben Schleifen zieht.

Die Clarity-Box ersetzt weder anwaltliche Beratung noch eine gegebenenfalls notwendige psychotherapeutische Unterstützung. Sie ist ein praktisches Instrument zur Selbstklärung.



Fazit

Emotionale Kompetenz schützt Zeit, Zusammenarbeit und Lebensqualität

Emotionen gehören zum Rechtsstreit. Sie lassen sich nicht einfach ausschalten – und sie sollten auch nicht pauschal als störend betrachtet werden.

Doch wenn starke emotionale Belastung die Kommunikation bestimmt, Gespräche sich wiederholen und Vertrauen verloren geht, kann das die anwaltliche Arbeit erheblich erschweren.


Für Rechtsanwaltskanzleien ist emotionale Kompetenz deshalb kein bloßes Zusatzthema. Sie hilft, die emotionale Dynamik eines Mandats zu erkennen, klare Grenzen zu setzen und den Fokus auf das zu richten, was jetzt weiterhilft.

Denn nicht jede emotionale Belastung lässt sich in der Kanzlei lösen. Aber ihr Einfluss auf die Zusammenarbeit lässt sich oft besser gestalten.


Zeit ist Geld. Zeit ist Energie. Und Zeit ist Lebensqualität.


Es lohnt sich, sie zu schützen – für die Mandanten, für die Qualität der anwaltlichen Arbeit und für die Menschen, die diese Arbeit leisten.


Nordstern Bildung verbindet emotionale Kompetenz mit praktischer Bildung und systemischem Denken. Denn der Mensch braucht emotionale Kompetenz. Und auch die Zusammenarbeit braucht eine klare Struktur.

Sie möchten gerne Ihren Mandanten ein Ansichtsexemplar der Clarity-Box zur Verfügung stellen? Schreiben Sie uns an info@nordstern-bildung.de - wir stellen Ihnen gerne ein Informationspaket zusammen.

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