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Emotionen sind systemrelevant

Autorenbild: Sandra Retzer
Sandra Retzer
21. Sept.
2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 30. Sept.


Es gibt Worte, die bleiben. „Systemrelevant“ ist eines davon.


Vor einigen Jahren wurde sichtbar, welche Berufe eine Gesellschaft auch dann tragen, wenn vieles andere ins Wanken gerät. Menschen in sozialen, pädagogischen und betreuenden Berufen waren plötzlich nicht mehr nur diejenigen, die „mit Menschen arbeiten“. Ihre Arbeit wurde als das sichtbar, was sie immer war: unverzichtbar für das Funktionieren unserer Gesellschaft.


Heute lohnt es sich, den Begriff noch einmal weiterzudenken.

Denn was hält ein gesellschaftliches System eigentlich stabil?


Es sind nicht nur funktionierende Institutionen, wirtschaftliche Stärke oder politische Entscheidungen. Gesellschaft besteht aus Menschen. Und Menschen handeln nicht ausschließlich rational. Sie fühlen. Sie haben Angst, Hoffnung, Wut, Zuversicht, Unsicherheit und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit.


Emotionen sind deshalb nicht das Gegenteil von gesellschaftlicher Stabilität. Sie sind ein Teil ihrer Grundlage.


Gerade in Zeiten, in denen politische Debatten härter werden, Veränderungen schneller aufeinanderfolgen und viele Menschen das Gefühl haben, den Überblick oder die Kontrolle zu verlieren, wird das besonders deutlich.


Wir können politische Entwicklungen analysieren. Wir können über Entscheidungen diskutieren und unterschiedliche Positionen vertreten. Was wir dabei nicht ausblenden können, ist die emotionale Ebene: Was macht Unsicherheit mit Menschen? Was passiert, wenn Angst in Rückzug oder Aggression umschlägt? Was geschieht, wenn unterschiedliche Sichtweisen nicht mehr ausgehalten werden können?


Und umgekehrt: Was entsteht, wenn Menschen gelernt haben, ihre eigenen Emotionen wahrzunehmen, einzuordnen und verantwortlich mit ihnen umzugehen?

Dann entsteht etwas, das für eine Gesellschaft von großer Bedeutung ist:


Handlungsfähigkeit


Emotionale Kompetenz bedeutet nicht, immer ruhig zu bleiben. Sie bedeutet auch nicht, Konflikte zu vermeiden oder negative Gefühle möglichst schnell wegzumachen.

Sie bedeutet, Gefühle ernst zu nehmen, ohne von ihnen vollständig bestimmt zu werden.

Sie bedeutet, auch in schwierigen Situationen im Gespräch bleiben zu können.

Sie bedeutet, Ambivalenz auszuhalten, andere Perspektiven wahrzunehmen und Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

Und genau darin liegt eine gesellschaftliche Dimension.


Denn Stabilität entsteht nicht dadurch, dass alle Menschen dasselbe denken oder fühlen. Stabilität entsteht dort, wo Unterschiede ausgehalten, Konflikte bearbeitet und Beziehungen auch unter Spannung aufrechterhalten werden können.


Emotionale Bildung ist deshalb mehr als Persönlichkeitsentwicklung. Sie ist ein Beitrag zur gesellschaftlichen Stabilität.


Das ist der Punkt, an dem wir bei Nordstern Bildung ansetzen:

Wir wollen Menschen nicht vorschreiben, was sie denken sollen. Wir wollen sie darin stärken, wie sie mit dem umgehen, was ihnen begegnet.

Mit sich selbst. Mit anderen. Mit Konflikten. Mit Veränderung. Mit Unsicherheit.


Denn eine stabile Gesellschaft braucht Menschen, die nicht bei jeder Irritation den inneren Halt verlieren.


Menschen, die zuhören können, ohne sofort zustimmen zu müssen. Menschen, die Grenzen setzen können, ohne andere abzuwerten. Menschen, die ihre Gefühle kennen und trotzdem handlungsfähig bleiben.


Vielleicht ist das eine der unterschätzten Aufgaben von Bildung:

Nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern Menschen dabei zu unterstützen, innerlich tragfähig zu werden.

Wenn wir über die Zukunft unseres Landes sprechen, sollten wir deshalb nicht nur fragen, welche Strukturen wir brauchen.


Wir sollten auch fragen:

Welche Menschen brauchen diese Strukturen?


Und was brauchen diese Menschen, damit sie in einer komplexen, manchmal widersprüchlichen und emotional aufgeladenen Welt gut miteinander leben können?


Unsere Antwort darauf ist klar:

Emotionen sind systemrelevant.

Und emotionale Bildung ist ein Teil dessen, was eine Gesellschaft stabil hält.

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