Wenn Helfen erschöpft: Warum emotionale Arbeit nicht nur eine Frage der Resilienz ist

Aktualisiert: 30. Sept.
Der DAK-Psychreport 2026 zeigt: Psychische Erkrankungen verursachen im Gesundheitswesen besonders viele Fehltage. Doch was macht die Arbeit mit Menschen eigentlich so erschöpfend? Und müssen Mitarbeitende emotional stabiler werden - oder müssen wir unsere Systeme stabiler gestalten?
Es gibt Berufe, in denen Menschen nicht nur ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen.
Sie stellen ihre Aufmerksamkeit zur Verfügung. Ihre Empathie. Ihre Geduld. Ihre Fähigkeit, in schwierigen Situationen ruhig zu bleiben. Und manchmal auch ihre eigene emotionale Stabilität.
Wer im Gesundheitswesen arbeitet, begleitet Menschen in Situationen, in denen Angst, Schmerz, Hilflosigkeit, Trauer oder Wut zum Alltag gehören. Professionell zu handeln bedeutet dabei nicht, diese Emotionen nicht zu fühlen.
Im Gegenteil.
Es bedeutet, sie wahrzunehmen, einzuordnen und handlungsfähig zu bleiben, während gleichzeitig die Emotionen eines anderen Menschen im Raum stehen.
Das ist emotionale Arbeit.
Und sie kostet Kraft.
Der Psychreport 2026 macht sichtbar, was viele längst spüren
Die aktuellen Zahlen der DAK-Gesundheit sind deutlich:
Psychische Erkrankungen stehen 2025 an zweiter Stelle der Erkrankungsgruppen mit den meisten Arbeitsausfalltagen. Insgesamt entfielen auf 100 Versicherte 366 Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen. Das sind rund sieben Prozent mehr als im Vorjahr.
Besonders auffällig ist das Gesundheitswesen.
Hier kamen 2025 auf 100 Versicherte 474 Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen. Damit liegt die Branche 30 Prozent über dem Durchschnitt aller Branchen.
Noch interessanter wird der Blick auf die einzelnen Berufsgruppen.
Bei medizinischen Gesundheitsberufen lagen die psychisch bedingten Fehltage bei 409 je 100 Versicherte. Bei nichtmedizinischen Gesundheitsberufen, beispielsweise in der Altenpflege, waren es 524. In Erziehungs-, sozialen und hauswirtschaftlichen Berufen sogar 581.
Das sind keine kleinen Unterschiede.
Und sie erzählen eine Geschichte über Arbeit, bei der Menschen mit Menschen arbeiten.
Eine Geschichte über Berufe, in denen emotionale Nähe kein Nebeneffekt, sondern Teil der eigentlichen Tätigkeit ist.
Warum diese Zahlen – gerade mit Blick auf die systemrelevanten Berufe – nicht längst zu einem großen Aufschrei führen, ist mir absolut unklar.
Wir sprechen über Menschen, die unser Gesundheitssystem, unsere Kitas und unsere soziale Infrastruktur jeden Tag am Laufen halten. Über Menschen, deren Arbeit nicht nur fachliche Kompetenz, sondern ein hohes Maß an emotionaler Präsenz verlangt.
Wenn gerade in diesen Berufen psychisch bedingte Fehlzeiten so deutlich sichtbar werden, sollten wir deshalb nicht nur fragen, wie wir die einzelnen Mitarbeitenden resilienter machen können.
Wir sollten uns fragen, was wir diesen Menschen eigentlich zumuten.
Emotionale Arbeit ist mehr als „nett sein“
Emotionale Arbeit wird häufig unterschätzt, weil sie von außen nicht wie Arbeit aussieht:
Eine Pflegekraft beruhigt einen verängstigten Patienten.
Ein Erzieher nimmt ein weinendes Kind auf den Arm.
Eine Ärztin überbringt eine schwerwiegende Diagnose.
Ein Sozialpädagoge hört sich zum wiederholten Mal die Krise eines Menschen an.
Eine Mitarbeiterin im Gesundheitswesen bleibt freundlich, obwohl sie selbst komplett erschöpft ist.
Nichts davon erscheint auf einer To-do-Liste als eigener Arbeitsschritt.
Und trotzdem braucht jeder dieser Momente Aufmerksamkeit, Selbststeuerung und emotionale Energie.
Denn gleichzeitig müssen mehrere Dinge geschehen:
Ich muss wahrnehmen, was mit dem anderen Menschen passiert.
Ich muss wahrnehmen, was es mit mir macht.
Ich muss meine eigene Reaktion regulieren.
Ich muss professionell handeln.
Und ich muss dabei die Beziehung zum Gegenüber aufrechterhalten.
Das ist eine hohe innere Leistung.
Emotionale Kompetenz bedeutet deshalb nicht, möglichst wenig zu fühlen.
Sie bedeutet, mit dem, was man fühlt, handlungsfähig umgehen zu können.
Das Problem beginnt dort, wo Stabilität mit Unempfindlichkeit verwechselt wird
Vielleicht liegt hier ein grundlegendes Missverständnis in vielen Diskussionen über psychische Gesundheit am Arbeitsplatz.
Wenn Mitarbeitende erschöpft sind, sprechen wir schnell über Resilienz.
Über Stressbewältigung. Über Achtsamkeit. Über Selbstfürsorge. Über die Frage:
„Was kann der einzelne Mensch tun, damit er besser mit der Belastung klarkommt?“
Diese Frage ist wichtig. Aber sie ist nicht ausreichend.
Denn ein Mensch kann lernen, seine Emotionen besser wahrzunehmen und zu regulieren. Er kann lernen, Grenzen zu erkennen. Er kann lernen, nach belastenden Situationen wieder in seine innere Stabilität zurückzufinden.
Doch daraus folgt nicht, dass jede Arbeitsbedingung gesund wird.
Ein emotional kompetenter Mensch kann eine strukturell instabile Organisation nicht dauerhaft stabilisieren.
Und genau hier beginnt die systemische Perspektive.
Nicht entweder der Mensch oder das System
Die Frage sollte deshalb nicht lauten:
Müssen die Mitarbeitenden emotional stabiler werden?
Oder:
Muss das System für mehr emotionale Stabilität sorgen?
Die Antwort ist:
Beides – aber nicht im gleichen Sinne.
Der Mensch braucht emotionale Kompetenz.
Das System braucht Bedingungen, unter denen diese Kompetenz wirksam werden kann.
Denn innere Stabilität ist keine Rüstung. Sie soll Menschen nicht dazu befähigen, immer mehr Belastung auszuhalten. Sie soll Menschen dazu befähigen, wahrzunehmen, was gerade geschieht, angemessen zu reagieren und rechtzeitig zu erkennen, wann eine Grenze erreicht ist.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Resilienz darf nicht bedeuten:
„Ich halte noch mehr aus.“
Resilienz sollte bedeuten:
„Ich erkenne, was mit mir passiert, und kann daraus sinnvoll handeln.“
Manchmal bedeutet dieses Handeln, weiterzumachen.
Manchmal bedeutet es, Unterstützung zu suchen.
Und manchmal bedeutet es, dass sich etwas im System verändern muss.
Emotionen entstehen nicht außerhalb des Systems
Wir betrachten Emotionen häufig als etwas Individuelles.
Der ist eben empfindlich.
Die kann mit Stress nicht so gut umgehen.
Der braucht mehr Resilienz.
Aber Emotionen entstehen immer in einem Kontext.
Ein Mensch reagiert nicht nur auf das, was in ihm geschieht.
Er reagiert auch auf Beziehungen, Erwartungen, Rollen, Zeitdruck, Unsicherheit, fehlende Kontrolle, Konflikte und widersprüchliche Anforderungen.
Gerade in sozialen Berufen wird das sichtbar.
Wenn eine Pflegekraft zu wenig Zeit hat, um einem Menschen zuzuhören, entsteht nicht nur ein organisatorisches Problem.
Es entsteht auch ein emotionaler Konflikt:
Ich weiß, was dieser Mensch gerade braucht – aber ich kann es ihm nicht geben.
Ich werde meinem eigenen Anspruch an gute Arbeit nicht mehr gerecht.
Und wenn dieser Zustand über längere Zeit bestehen bleibt, reicht es irgendwann nicht mehr, dem einzelnen Menschen zu sagen, er solle besser auf sich achten.
Denn Selbstfürsorge kann fehlende Ressourcen nicht ersetzen.
Was müsste sich also verändern?
Vielleicht müssen wir aufhören, psychische Gesundheit ausschließlich als individuelles Trainingsziel zu betrachten.
Und anfangen, emotionale Stabilität als Systemaufgabe zu verstehen.
Das bedeutet nicht, dass Unternehmen oder Einrichtungen für jedes Gefühl ihrer Mitarbeitenden verantwortlich sind.
Aber sie sind dafür verantwortlich, Strukturen zu schaffen, in denen Menschen ihre Arbeit langfristig gesund ausüben können.
Dazu gehören ganz konkrete Fragen:
1. Wie viel emotionale Arbeit steckt tatsächlich in einem Beruf?
Wir messen Arbeitszeit, Fallzahlen, Personalquoten und Prozesse.
Aber wie viel emotionale Energie eine Tätigkeit erfordert, wird häufig kaum sichtbar.
Dabei macht es einen Unterschied, ob ich acht Stunden mit Daten arbeite oder acht Stunden mit Menschen in Krisensituationen.
Emotionale Anforderungen müssen deshalb genauso ernst genommen werden wie körperliche oder zeitliche Anforderungen.
2. Wo kann emotionale Arbeit gemeinsam verarbeitet werden?
Nach einem schwierigen Gespräch geht die Arbeit häufig einfach weiter.
Der nächste Patient wartet.
Das nächste Kind braucht Aufmerksamkeit.
Die nächste Aufgabe muss erledigt werden.
Doch Emotionen verschwinden nicht dadurch, dass die nächste Aufgabe beginnt.
Organisationen brauchen deshalb Räume für Reflexion, Austausch und Verarbeitung. Nicht erst dann, wenn jemand krank wird. Sondern als Teil professioneller Arbeit. Und leider ist Supervision noch immer nicht der Standard.
3. Wie führen wir Menschen, die selbst täglich emotionale Arbeit leisten?
Führung im Gesundheitswesen bedeutet nicht nur Dienstpläne erstellen und Aufgaben verteilen. Führung gestaltet auch den emotionalen Raum einer Organisation. Darf jemand sagen: „Das war gerade zu viel“?
Kann eine Führungskraft zuhören, ohne sofort eine Lösung produzieren zu müssen?
Darf Unsicherheit ausgesprochen werden? Werden Konflikte bearbeitet oder nur übergangen? Wird Überforderung als individuelles Problem betrachtet – oder als Information über das System?
Eine gesunde Führungskultur beginnt dort, wo Menschen nicht erst krank werden müssen, bevor ihre Belastung ernst genommen wird.
4. Wie viel Kontrolle und Gestaltungsspielraum haben Mitarbeitende?
Emotionale Belastung wird besonders schwierig, wenn Menschen ständig Anforderungen erfüllen müssen, ohne Einfluss darauf nehmen zu können, wie sie ihre Arbeit gestalten. Deshalb geht es nicht nur um weniger Belastung.
Es geht auch um mehr Handlungsspielraum. Um Beteiligung. Um klare Rollen.
Um verlässliche Kommunikation. Um die Möglichkeit, Probleme anzusprechen, bevor sie zu Krisen werden. Und dies gilt nicht nur für Unternehmen, sondern kann auch gerne gesamtpolitisch gesehen werden.
5. Und schließlich: Was verstehen wir eigentlich unter emotionaler Kompetenz?
Emotionale Bildung darf nicht zum nächsten Instrument werden, mit dem Organisationen ihre Mitarbeitenden „robuster“ machen. Wenn ein Resilienztraining am Ende nur dazu führt, dass Menschen eine ungesunde Struktur länger aushalten, haben wir das eigentliche Problem verfehlt. Emotionale Kompetenz hat eine andere Aufgabe.
Sie hilft uns, wahrzunehmen.
Zu verstehen.
Zu regulieren.
Grenzen zu erkennen.
Beziehungen bewusst zu gestalten.
Und dadurch handlungsfähig zu bleiben.
Auch ein System muss genau das lernen.
Der vielleicht wichtigste Perspektivwechsel
Der Psychreport zeigt uns nicht einfach, dass Menschen psychisch kränker werden.
Er zeigt uns, dass wir genauer hinschauen müssen. Denn hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Und hinter manchen Zahlen stehen Arbeitsbedingungen, Beziehungen, Rollen und Strukturen, die sich gegenseitig beeinflussen.
Sieben Prozent der Beschäftigten hatten 2025 mindestens eine Krankschreibung aufgrund einer psychischen Erkrankung. Die durchschnittliche Falldauer lag bei 34,2 Tagen. Besonders stark ins Gewicht fallen die langen Erkrankungen: Auf Krankschreibungen von mehr als 42 Tagen entfielen 71 Prozent aller psychisch bedingten Fehltage.Diese Zahlen sollten uns deshalb nicht nur fragen lassen:
Wie können wir Mitarbeitende widerstandsfähiger machen?
Sondern auch:
Was verlangt unser System von ihnen?
Und:
Ist dieses System so gestaltet, dass menschliche Stabilität darin überhaupt möglich ist?
Vielleicht liegt genau hier die nächste Entwicklungsstufe betrieblicher Gesundheitsförderung. Nicht im Gegensatz zwischen individueller Verantwortung und systemischer Verantwortung. Sondern in ihrer Verbindung.
Der Mensch braucht emotionale Kompetenz.
Das System braucht emotionale Kultur.
Und beides braucht dasselbe Fundament:
Verstehen statt Bewerten.
Denn wer verstehen will, warum Menschen erschöpfen, darf nicht nur auf den Menschen schauen.
Er muss auch auf das schauen, was zwischen den Menschen geschieht.
Und auf das System, das dieses Miteinander gestaltet.
Emotionale Kompetenz ist kein Soft Skill.
Sie ist professionelle Handlungsfähigkeit.
Aber professionelle Handlungsfähigkeit braucht einen Rahmen, in dem Menschen nicht permanent gegen ihre eigenen emotionalen Grenzen arbeiten müssen.
Genau dort beginnt innere Stabilität.
Und genau dort beginnt auch die Verantwortung eines Systems.
Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast, dies zu lesen!
Quelle und weiterführende Informationen: DAK-Psychreport 2026 – Entwicklungen der psychischen Erkrankungen im Job
Innere Stabilität wirkt auch im Außen und kann so eingefahrene Systeme verändern:
Gerne weiterlesen: Nordstern Bildung Buchreihe "Innere Stabilität":



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