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Wie stabil kann ein Mensch in einem instabilen System sein?

Autorenbild: Sandra Retzer
Sandra Retzer
25. Sept.
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Wir sprechen viel über emotionale Stabilität. Wir lernen, unsere Emotionen zu regulieren. Wir lernen, Grenzen zu setzen, achtsam zu sein und resilienter zu werden. Wir lernen Atemtechniken, Reflexion und Selbstfürsorge. Und all das ist wichtig. Aber manchmal reicht es nicht.


Denn was passiert, wenn der Mensch zwar versucht, innerlich stabil zu bleiben, während das System um ihn herum permanent Instabilität erzeugt? Wenn in einer Familie ständig Streit, Unberechenbarkeit oder emotionale Unsicherheit herrscht? Wenn im Unternehmen Entscheidungen sich laufend verändern, Führung keine Orientierung gibt und Konflikte nicht geklärt werden? Wenn eine Gesellschaft von Krisen, Unsicherheit und Polarisierung geprägt ist? Wie stabil kann ein Mensch unter solchen Bedingungen überhaupt sein?


Emotionale Stabilität ist keine Einzelleistung


Wir neigen dazu, emotionale Stabilität sehr individuell zu betrachten. „Du bist für deine Gefühle verantwortlich.“ Das stimmt. Aber es ist nur die halbe Wahrheit. Denn Menschen sind keine abgeschlossenen Systeme. Wir leben in Beziehungen. Wir arbeiten in Organisationen. Wir gehören Familien, Teams, Gemeinschaften und Gesellschaften an. Und diese Systeme wirken auf uns. Jeden Tag.


Ein Mensch kann noch so gut darin sein, seine eigenen Emotionen wahrzunehmen und zu regulieren. Wenn er sich gleichzeitig in einem Umfeld befindet, das permanent Unsicherheit, Angst oder Überforderung erzeugt, wird emotionale Stabilität schwieriger. Nicht unmöglich. Aber schwieriger. Das ist ein entscheidender Unterschied. Denn wenn wir ausschließlich auf die individuelle Fähigkeit zur Selbstregulation schauen, besteht die Gefahr, dass wir Menschen für etwas verantwortlich machen, das sie nicht alleine verändern können.


Ein Beispiel aus der Familie


Stellen wir uns ein Kind vor, das in einer Familie lebt, in der die Stimmung jederzeit kippen kann. Heute ist alles ruhig. Morgen streiten die Eltern. Übermorgen ist wieder Harmonie. Niemand weiß genau, was als Nächstes passiert. Das Kind beginnt, die Stimmung der Erwachsenen sehr genau zu beobachten. Wie ist Mamas Gesicht? Wie klingt Papas Stimme? Ist heute ein guter oder ein schlechter Tag? Das Kind lernt, sich anzupassen. Vielleicht wird es besonders vorsichtig. Vielleicht besonders angepasst. Vielleicht besonders laut. Vielleicht versucht es, Konflikte zu verhindern.


Von außen könnte man irgendwann sagen: „Dieses Kind muss lernen, seine Emotionen besser zu regulieren.“ Vielleicht. Aber vielleicht muss man auch die Frage stellen: Was müsste sich im System verändern, damit dieses Kind überhaupt die Möglichkeit bekommt, sich sicher zu fühlen? Denn Selbstregulation kann Sicherheit nicht vollständig ersetzen.


Wir reagieren nicht im luftleeren Raum


Emotionen entstehen nicht unabhängig von unserer Umgebung. Unser Nervensystem bewertet permanent, ob etwas sicher oder unsicher, vorhersehbar oder unvorhersehbar, kontrollierbar oder unkontrollierbar ist. Das bedeutet nicht, dass jede schwierige Situation automatisch traumatisch oder krankmachend ist. Es bedeutet aber: Unser Umfeld ist Teil dessen, worauf wir emotional reagieren.


Ein Arbeitsplatz, an dem Fehler bestraft und Fragen als Schwäche bewertet werden, erzeugt eine andere emotionale Dynamik als ein Arbeitsplatz, an dem Menschen offen sprechen dürfen. Eine Familie, in der Konflikte ausgetragen und repariert werden können, erzeugt eine andere Sicherheit als eine Familie, in der Konflikte tabuisiert oder eskaliert werden. Und eine Gesellschaft, in der Menschen das Gefühl haben, gehört zu werden und Einfluss nehmen zu können, erzeugt etwas anderes als eine Gesellschaft, in der Menschen dauerhaft das Gefühl von Kontrollverlust erleben.


Emotionale Stabilität entsteht deshalb nicht nur in einem Menschen. Sie entsteht auch zwischen Menschen. Und sie entsteht innerhalb von Strukturen.


Das System hat eine emotionale Atmosphäre


Jedes soziale System entwickelt eine Art emotionale Atmosphäre. Sie ist nicht immer sichtbar. Man kann sie nicht unbedingt in Organigrammen oder Regeln finden. Aber man kann sie spüren. Man betritt einen Raum und merkt: Hier kann ich mich entspannen. Oder: Hier muss ich aufpassen.


Man kommt morgens zur Arbeit und merkt: Hier darf ich Fragen stellen. Oder: Hier sollte ich besser nichts sagen. Man kommt nach Hause und merkt: Hier bin ich sicher. Oder: Ich muss erst einmal herausfinden, welche Stimmung heute herrscht.


Diese Atmosphäre entsteht aus vielen kleinen Dingen:

  • Aus Kommunikation.

  • Aus Rollen.

  • Aus Erwartungen.

  • Aus Regeln.

  • Aus Machtverhältnissen.

  • Aus dem Umgang mit Konflikten.

  • Aus der Frage, ob Fehler erlaubt sind.

  • Und vor allem aus der Frage, ob Menschen sich innerhalb des Systems gesehen und sicher fühlen.


Genau deshalb reicht es nicht immer, Menschen „resilienter“ machen zu wollen. Manchmal muss auch das System resilienter werden.


Wenn Selbstregulation zum Dauerauftrag wird


Es gibt einen Punkt, an dem Selbstregulation eine merkwürdige Wendung nehmen kann. Der Mensch lernt immer besser, mit dem System zurechtzukommen. Er atmet tief durch. Er reflektiert. Er setzt sich Grenzen. Er versucht, nicht persönlich zu nehmen, was passiert. Er arbeitet an sich. Und das ist zunächst etwas Gutes. Aber irgendwann stellt sich eine wichtige Frage: Reguliere ich mich gerade, damit ich mit einer schwierigen Situation umgehen kann – oder reguliere ich mich, damit ich eine Situation aushalten kann, die eigentlich verändert werden müsste?


Das ist ein großer Unterschied. Denn emotionale Kompetenz bedeutet nicht, alles aushalten zu können. Sie bedeutet auch, wahrzunehmen, was mir meine Emotionen mitteilen. Angst kann bedeuten, dass ich lernen muss, mit Unsicherheit umzugehen. Aber Angst kann auch bedeuten, dass tatsächlich etwas nicht sicher ist. Wut kann ein Regulationsproblem sein. Aber Wut kann auch darauf hinweisen, dass eine Grenze verletzt wurde. Erschöpfung kann bedeuten, dass ich meine eigenen Bedürfnisse zu wenig beachte. Aber sie kann auch bedeuten, dass die Bedingungen, unter denen ich lebe oder arbeite, dauerhaft zu viel verlangen. Emotionen sind keine Beweise dafür, dass ein System schlecht ist. Aber sie können Hinweise darauf sein, dass etwas genauer betrachtet werden sollte.


Nicht jedes System muss verlassen werden


Wenn wir anfangen, Systeme stärker in den Blick zu nehmen, entsteht schnell ein anderes Missverständnis: Dann muss ich eben gehen. Nein. Nicht jedes schwierige System ist ein schlechtes System. Und nicht jede Instabilität bedeutet, dass ein System verlassen werden muss. Systeme dürfen sich verändern.


Familien verändern ihre Kommunikation. Teams verändern Rollen. Unternehmen verändern Strukturen. Führung verändert sich. Menschen lernen, Konflikte anders auszutragen. Manchmal braucht ein System keine Trennung, sondern Entwicklung. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht: „Ist dieses System schwierig?“ Sondern: „Ist dieses System veränderungsfähig?“


Die entscheidende Frage: Kann das System Sicherheit wiederherstellen?


Ein gesundes System ist nicht eines, in dem niemals Konflikte entstehen. Im Gegenteil. Konflikte gehören zum menschlichen Zusammenleben. Entscheidend ist, was danach passiert. Kann ein Fehler angesprochen werden? Kann ein Konflikt repariert werden? Kann Verantwortung übernommen werden? Dürfen Grenzen gesetzt werden? Können Regeln verändert werden, wenn sie nicht mehr funktionieren? Kann jemand sagen: „So geht es mir damit“ – ohne dafür abgewertet zu werden? Und vielleicht die wichtigste Frage: Kann das System lernen?


Denn Stabilität bedeutet nicht, dass alles gleich bleibt. Stabilität bedeutet nicht Stillstand. Ein stabiles System kann Veränderung aushalten. Es kann Unsicherheit aufnehmen, ohne selbst dauerhaft unsicher zu werden. Es kann Konflikte aushalten, ohne daran zu zerbrechen. Und es kann Strukturen verändern, wenn diese Strukturen den Menschen nicht mehr dienen.


Wann ist es Zeit zu gehen?


Und manchmal lautet die Antwort trotzdem: Gehen. Nicht jedes System ist veränderungsfähig. Manche Systeme schützen ihre bestehenden Strukturen stärker als die Menschen, die darin leben. Manche reagieren auf Kritik mit Abwertung. Manche bestrafen Grenzen. Manche verlangen Anpassung, ohne selbst bereit zu sein, sich zu verändern. Und manchmal wird genau das zur entscheidenden Erkenntnis: Ich muss nicht lernen, mich an jedes System anzupassen.


Es gibt Situationen, in denen Abstand die gesündere Form von Selbstregulation ist. Und es gibt Situationen, in denen das Verlassen eines Systems kein Scheitern bedeutet. Sondern Klarheit. Die Fähigkeit zu gehen kann deshalb ebenso Ausdruck emotionaler Stabilität sein wie die Fähigkeit zu bleiben.


Zwischen Selbstverantwortung und Systemverantwortung


Natürlich bleibt jeder Mensch für sein eigenes Handeln verantwortlich. Wir können unsere Emotionen nicht einfach an andere delegieren. Wir können nicht jedes Problem mit dem System erklären. Und wir können nicht darauf warten, dass sich die Außenwelt verändert, bevor wir anfangen, Verantwortung für uns selbst zu übernehmen. Aber genauso wenig dürfen wir Menschen einreden, sie müssten nur ausreichend an sich arbeiten, dann könnten sie in jedem Umfeld stabil bleiben. Das können sie nicht. Und sie müssen es auch nicht.


Emotionale Kompetenz bedeutet deshalb beides: Mich selbst verstehen. Und: Mein Umfeld verstehen. Zu erkennen, was in mir passiert. Und zu erkennen, was zwischen uns passiert. Meine Reaktion zu regulieren. Und gleichzeitig zu prüfen, ob die Bedingungen, auf die ich reagiere, verändert werden können.


Vielleicht ist Stabilität etwas anderes, als wir denken


Vielleicht ist emotionale Stabilität gar nicht die Fähigkeit, in jedem System stabil zu bleiben. Vielleicht bedeutet sie vielmehr, unterscheiden zu können. - Was gehört zu mir? - Was gehört zum System? - Was kann ich verändern? - Was muss ich akzeptieren? - Wo lohnt sich Entwicklung? - Wo brauche ich Unterstützung? - Und wann ist es Zeit, Abstand zu gewinnen?


Ein Mensch braucht nicht immer mehr innere Stärke. Manchmal braucht er ein anderes Umfeld. Ein Kind braucht nicht immer bessere Strategien zur Emotionsregulation. Manchmal braucht es Erwachsene, die Verantwortung für die Atmosphäre übernehmen. Ein Mitarbeiter braucht nicht immer mehr Resilienz. Manchmal braucht er Führung, die Orientierung gibt. Und eine Gesellschaft braucht nicht nur Bürgerinnen und Bürger, die mit Unsicherheit umgehen können. Sie braucht auch Strukturen, die Menschen Sicherheit, Beteiligung und Orientierung ermöglichen.


Stabilität entsteht gemeinsam


Wir sprechen bei emotionaler Stabilität häufig von etwas Innerem. Und ja: Dort beginnt ein wichtiger Teil. Aber dort endet er nicht. Denn Menschen sind miteinander verbunden. Unsere Emotionen beeinflussen Systeme. Und Systeme beeinflussen unsere Emotionen. Deshalb braucht nachhaltige Stabilität beides: Menschen, die ihre Emotionen verstehen und regulieren können. Und Systeme, die bereit sind, sich zu verändern, wenn ihre Strukturen keine Sicherheit und Entwicklung mehr ermöglichen.


Vielleicht ist das die eigentliche Frage hinter emotionaler Stabilität: Nicht nur: „Wie schaffe ich es, stabil zu bleiben?“ Sondern auch: „Was brauche ich, damit Stabilität überhaupt möglich wird?“ Und manchmal führt die Antwort nach innen. Manchmal führt sie in ein Gespräch. Manchmal in eine Veränderung. Und manchmal hinaus aus dem System. Denn emotionale Stabilität bedeutet nicht, überall bleiben zu können. Sie bedeutet auch, zu erkennen, wo man bleiben kann. Wo man etwas verändern kann. Und wo man gehen muss.


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